Prolog
Bittere Kälte umfing mich, als ich über die Schneewüsten blickte. Ich fühlte mich erschöpft und völlig benebelt von dem eisernen Wind, der durch jeden meiner Knochen zog. Schon seit einer Ewigkeit wanderte ich durch diese Einöde, weit ab von jeglicher Zivilisation. Warum ich hier war und wie ich hierher kam, wusste ich nicht. Für mich stand nur eines fest, ich wollte überleben, um jeden Preis. Doch je weiter ich lief, desto müder wurde ich und schon bald hatte ich das Gefühl, dass mir meine Augen einfach zufielen und auch meine Füße wollten mich keinen einzigen Zentimeter mehr tragen. Ich versuchte mich dagegen zu wehren. Anfangs schaffte ich es noch mit Erfolg mir meinen Weg durch die einsame Nacht zu bahnen. Ab und zu drang von weit her ein greller Schrei an meine Ohren und ich hätte schwören können, dass, als ich mich für einen Augenblick umdrehte, ein riesiges Feuer in der Ferne aufloderte. Aber überzeugt davon, war ich nicht. Ich wusste nicht einmal mehr, ob ich noch wachte oder schon längst schlief. Traum und Realität wurden eins miteinander, genauso wie der Himmel und die Erde vor mir. Die Dunkelheit, mein ständiger Weggefährte schien mich vollends verschluckt zu haben. Bestimmt wollte sie, genauso wie die Kälte meinen Willen brechen, doch ich war nicht bereit aufzugeben. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund lief ich immer weiter und versuchte jene Gedanken an den Tod, die mir zwangsweise kamen abzuschütteln. Worauf ich mich jetzt konzentrieren musste, war vorwärts zu schreiten. Obwohl der bittersüße Gedanke, jetzt und hier einfach zu sterben, mich lockte. Ich meine, was hatte ich davon, ohne ein Ziel, ohne jemanden der auf mich wartete, weiter ziellos durch die mir fremde Gegend zu irren? Der wesentlich angenehmere Weg schien mir da der des Todes. Einfach sich in den Schnee zu legen und nie wieder aufzuwachen, denn wer würde mich schon vermissen? Die Welt dreht sich doch auch ohne mich weiter und ob nun einer mehr oder weniger auf ihr wandelt, interessiert sie doch eh nicht. Ich hingegen, habe die Chance auf den Himmel und jene Wärme, die ich mir so sehr erhoffte. Vielleicht würde Gott sich ja meiner annehmen und mir das geben, was mir hier verwährt blieb.
Noch bevor mir bewusst wurde, dass mein letzter Widerstand endgültig gefallen war, bemerkte ich ein gleißendes Licht vor mir. Immer schneller bewegte es sich auf mich zu und ich dachte, dass jemand gekommen sei, um mich auf die andere Seite zu geleiten. Doch das war ein Irrtum. Weder Engel noch Dämonen waren gekommen, um mich zu führen. Stattdessen stand binnen kürzester Zeit ein menschliches Wesen vor mir, aus Fleisch und Blut. Wie gebannt schaute ich dem Fremden zu, wie er eine Taschenlampe in den tiefen Schnee schmiss und sich dann zu mir herunter beugte. Sanft aber bestimmt, nahm mich jener Unbekannte in den Arm und flüsterte mir ins Ohr: „Sei unbesorgt, alles wird gut, jetzt wo ich bei dir bin“. Schlagartig löschte er damit die düsteren Gedanken, die mir noch Sekunden zuvor durch den Kopf gingen aus und verbannte die Dunkelheit in meinem Herzen. Eh ich mich versah, liefen mir auch schon Tränen über die halb erfrorenen Wangen und ich fing heftig an zu schluchzen. Obwohl ich den Fremden, der mich so fest an sich drückte nicht kannte, war ich davon überzeugt, dass der Mann die Wahrheit sagte. Ich erwiderte deshalb seine Umarmung so fest ich nur konnte, denn ich war ihm über alles dankbar, dass er mich aus dieser Hölle hier befreien würde.
Nach einer Weile, die mir wie die Ewigkeit vorkam, nahm er mich hoch und ging mit mir gemeinsam durch die bitterkalte Nacht. Seine Wärme weckte neuen Mut in mir und sein liebevolles Lächeln verstärkte diesen Effekt nur noch mehr. Vielleicht gibt es ja doch einen Morgen für mich, eine andere Zukunft, als die im Schnee mutterseelenallein zu erfieren.
Das einzige, was mich ein wenig irritierte war, dass obwohl er lächelte, seine Augen etwas ganz anderes zu sagen schienen. Sie wirkten über alle Maßen traurig, als wäre etwas Furchtbares passiert, aber vielleicht spielte mir meine Fantasie auch nur einen Streich. Über so etwas konnte ich mir ja auch später noch Gedanken machen, denn auch wenn ich jetzt nicht mehr das Gefühl hatte, sterben zu müssen, so war ich doch vollkommen erschöpft von dem langen Marsch. Selbst das Denken bereitete mir einige Mühe, weshalb es wohl auch wenig verwunderlich ist, dass ich in seinen Armen einschlief.
Als ich erwachte, saß ich in einem warmen Auto direkt neben dem Unbekannten. In rasender Geschwindigkeit zog die Landschaft an uns vorbei und noch immer bestand sie nur aus Eis und Schnee. Was hat mich nur dazu bewegt, in meinen fast sicheren Tod zu gehen?
Ich wusste es nicht. Tausende von Fragen lagen mir mit einem Mal auf der Zunge und noch eh ich den Mund aufmachen konnte um sie dem Fremden mitzuteilen, bemerkte dieser, dass ich wach war.
„Ah du bist endlich aufgewacht. Wie geht es dir denn? Wir sind schon ein Weilchen unterwegs und ich hatte mir schon ein wenig Sorgen gemacht. Du hast hohes Fieber, aber dein Herzschlag ist normal und auch deine Atmung ist regelmäßig. Es besteht also kein Grund zur Panik. Ich bin übrigens Chase und bevor du jetzt anfängst mir ein Loch in den Bauch zu fragen, denn so wie ich dich kenne, hattest du das bestimmt gerade vor. Schlaf lieber noch ein bisschen. Das wird dir bestimmt gut tun, so erschöpft wie du sicherlich bist. Wir sind bald da und dann gebe ich dir gerne ein paar Antworten.“
Habe ich das richtig verstanden? Der Mann hatte gesagt, so wie ich dich kenne? Soll das etwa bedeuten, er kannte mich schon vorher?
Jetzt wo ich so darüber nachdenke, wer bin ICH eigentlich? Je mehr ich mir darüber denn Kopf zerbrach, desto weniger fiel mir ein. Ich wusste also nichts über meine Vergangenheit, saß zu allem Überfluss in einem Auto mit einem Mann namens Chase, der mich kennt, ich ihn aber nicht. Wie verwirrend das doch alles war.
Aber mit einem hatte Chase jedenfalls Recht behalten, noch immer war ich sehr erschöpft und ich spürte, dass mir ein wenig Schlaf noch gut tun würde. Wer weiß vielleicht wache ich ja auch nachher auf und stelle fest, dass alles nur ein böser Traum war. Schließlich träumen die Menschen hin und wieder die verrücktesten Dinge.
Carolin Rückriem


