Familienglück
Ich betrete den Flur der Wohnung. Sofort erschlägt es mich. Lärm, Kindergeschrei, eine fluchende Stimme aus der Küche. Innerhalb von Sekunden fällt meine innere Ruhe zurück auf einen Nullpunkt. Ich folge meinem langjährigen Kumpel in sein Wohnzimmer. Wir räumen Spielzeug und Kindersachen von der Couch, um uns setzen zu können. Seine Lebensgefährtin ruft mir aus der Küche eine Begrüßung zu und rührt weiter hektisch das Essen auf dem Herd um. Kurz darauf stürmt ein kleines Mädchen aus dem Nebenzimmer, dem Kinderzimmer, auf mich zu. Sie springt mir fast in den Arm, bin ich doch der einzige Onkel den sie so sehr mag. Sie muss inzwischen drei oder vier Jahre alt sein. Ihr Bruder höchstens sechs, folgt ihr aus dem Zimmer. Auch er schreit freudig erregt, um mich zu begrüßen. Wie immer wollen sie mit mir spielen und kreischen unentwegt auf mich ein. Und wie immer bin ich damit überfordert. Der Vater ist währenddessen in das Schlafzimmer verschwunden. Die beiden Kinder springen immer noch auf der Couch und meinen Knien umher. Sie zerren mir an meinen Armen. Ich solle doch jetzt mit ihnen spielen. Ich bin überfordert, weiß nicht was ich tun soll. Wie spielt man mit kleinen Kindern? Jedes Mal dasselbe. Ich werde langsam nervös. Wo bleibt mein Kumpel? Sehnsüchtig blicke ich in den Flur. Wann kommt er zurück? Das Drängen der Kinder wird noch heftiger. Der Krach, den sie machen, nimmt immer mehr zu. Ich fühle mich der Situation nicht mehr gewachsen. Dringt doch auch noch das Geschrei der Mutter aus der Küche. Das reinste Chaos nur Geschrei und Lärm. Aber sie ruft die Kinder zur Ruhe, wenigstens etwas. Nun endlich kehrt auch mein Kumpel zurück. Auf seinem Arm hält er ein drittes Kind. Sein Neugeborenes nur drei Monate alt. Es ist süß und niedlich wie die anderen beiden im Babyalter, aber bei dem Gedanken daran, es wäre das dritte Balg das hier schreiend die Wohnung stürmt, erfasst mich leichte Panik. Mein Kumpel und seine Freundin sprechen immerzu vom Kinderglück. Ein schönes Gefühl soll es sein. Aber was ich hier spüre, ist nur Ruhelosigkeit, Stress, ja gar Terror kann man es nennen. Wo bleibt die oft beschworene Harmonie?
Das Essen ist fertig. Es gibt Kartoffelbrei mit Bratwurst und dazu Orangensaft. Ich spüre wieder einmal wie sich die Zeiten geändert haben. Denn es gibt Kartoffelbrei und Orangensaft! Vor Jahren als die beiden noch Kinderlos waren, kochten wir internationale Küche, alles was lecker war und unbekannt. Oder wir bestellten zumindest massig Pizza. Statt Orangensaft wurde zum Essen Wein und Bier getrunken, zum Verdauen wurde der Schnaps gereicht. Neben der Couch, wo sich heute Bauklötze in bunten Farben stapeln, stapelten wir früher Bierkästen. Stand vor Jahren selbst im Fensterbrett neben dem Klo ein Aschenbecher, stehen dort heute Kindercreme und Babypuder. Absolutes Rauchverbot! Selbst auf dem Balkon ist es verboten.
Aber sie sagen sie sind glücklich und genießen die Familienharmonie. Lächelnd nicke ich verständnisvoll, doch frage ich mich im selben Moment: „Welche Harmonie?“
Christoph Meyer


