Was schlössen wir daraus?
Papa Beer, ein großer runder, kuscheliger Typ, dem man ansieht, dass er in die Jahre gekommen ist, weil er so graue Schläfen hat, dass sie alles andere, was da noch braun ist, übertönen und dessen Falten rings um die Augen nach unten zum Kinn wandern, macht es sich in seinem großen Ohrensessel gemütlich. Als er spürt wie das Polster unter seinem Gewicht zusammensackt, überkommt ihn ein warmer Schauer und er lehnt sich langsam zurück, genießt den kurzen Moment der Ruhe und Stille. Er überlegt wie es kommen konnte, dass er nun hier ist, in diesem Raum, in diesem Haus. Ein zufriedenes Lächeln huscht über seine Lippen, kaum merklich, für den flüchtigen Blick eines anderen gänzlich nicht vorhanden.
Lena ist ein junges, sportliches Ding. Dreimal die Woche geht sie in den Fitnessclub, trainiert dort Bauch, Beine, Po, wie das die jungen Dinger heute alle machen. Jeden Morgen steht sie zwei Stunden früher auf als nötig, um in den Wald zu gehen. Sie gehe Joggen, meint sie dann immer. Joggen sei gesund. Wenn sie das Haus verlässt, lächelt sie neckisch, wirft ihren langen braunen Zopf ins Genick und klick – die Tür fällt ins Schloss und sie ist fort.
Nähmen wir an, Lena, dieses junge Ding mit dem Pferdeschwanz, sei dieses Beers Tochter. Was schlössen wir daraus? Wie würde die Geschichte dann weiter gehen?
Nähmen wir an, Lena, dieses junge Ding mit dem Pferdeschwanz, sei gar nicht so jung, sie wirke nur so, aufgrund der Sportlichkeit und des neckischen Blicks und des langen Pferdeschwanzes. Was schlössen wir daraus? Wie würde die Geschichte dann weiter gehen?
Nähmen wir an, Lena, dieses junge Ding mit dem Pferdeschwanz, sei nur ein Traum eines in die Jahre gekommenen alten Mannes, der seine letzten Tage ruhig und zurückgezogen in seinem alten, durchgesessenen Ohrensessel verbringt, der träumt – von besseren Zeiten, von der Vergangenheit. Was schlössen wir daraus? Wie würde die Geschichte dann weiter gehen?
Nähmen wir an, Lena, dieses junge Ding mit dem Pferdeschwanz, sei die Geliebte von Beer. Ja, ein junges Ding, sportlich, wahrscheinlich auch hübsch, vielleicht ein wenig intelligent, und ein in die Jahre gekommener Mann mit grauen Schläfen und Falten, vereint. Was schlössen wir daraus? Wie würde die Geschichte dann weiter gehen?
Wir wissen es nicht. Wir wissen nicht wie all diese Geschichten weiter gingen. Wir wissen nicht was diese beiden Menschen, so verschieden sie zu sein scheinen, doch gemeinsam haben könnten. Wir wissen nicht, ob sie sich mögen, nicht einmal, ob sie sich überhaupt kennen.
Und das ist gut so.
Laura Riedel


