Der Morgen vor dem Abi
Als ich aus meinen traumlosen Schlaf aufwachte, verriet mir mein treuer Wecker, dass ich noch etwa eine Stunde hatte, um mich auf den Weg zur Schule zu machen. Die Batterien meines kleinen Hubschraubers würden 10 Minuten zum Aufladen brauchen, also konnte ich mir Zeit lassen mit dem Frühstück. Kurz nachdem ich wach wurde, begrüßte mich sogleich mein geliebter Computer, auf dem Bildschirm in der Wand erschien das vertraute Gesicht der Schauspielerin Marilyn Monroe und hauchte mir lasziv ein „Guten Morgen, Mark!“ zu. Ich hatte mir ihr Gesicht ausgewählt, weil es morgen nichts Schöneres gibt, als von einer schönen Frau geweckt zu werden. Wenn ich mich richtig erinnere, jährt sich nächste Woche ihr Todestag zum 80. Mal. Unter ihrem makellosen Gesicht erscheint das übliche Kalenderblatt. Montag, 13. April 2042.
Ich stellte mir mein Outfit für heute am Bedienfeld vor meinen Kleiderschrank zusammen, zog mich an und fuhr mit dem kleinen Lift nach oben. Licht begrüßte mich, als sich die Türen des Fahrstuhles öffneten, meine Eltern waren also schon wach. Sie haben kein unterirdisches Schlafzimmer, sondern schlafen altmodisch im Haus. Sogar Fenster haben sie in ihrem Schlafzimmer, wenn auch keine großen. Als Kind bin ich manchmal, wenn ich Angst hatte zu ihnen gekommen, um in ihrem Bett zu schlafen. Mittlerweile kann ich es mir aber gar nicht mehr vorstellen in einem Raum mit Fenstern zu schlafen.
Ich betrat die Küche, Kaffeegeruch stieg in meine Nase. Beide tranken noch Kaffee, obwohl es seit 20 Jahren strenge Auflagen dafür gibt, seit es als gesundheitsgefährdende Droge eingestuft wurde. Man erhält ihn nur noch mit einer speziellen Erlaubnis, die schwer zu bekommen ist. Die Kaffeemaschine, die auf dem Küchentisch steht und etwa 40 Jahre alt ist wirkt wie ein Relikt aus alter Zeit, sie ist so hoffnungslos unmodern wie meine Eltern.
„Guten Morgen!“, gegrüßt mich meine Mutter strahlend.
„Morgen!“ Mehr kriege ich nicht zusammen.
„Na, Sohn, was geht?“ Die Sprache meines Vaters höre ich sonst nur ein Geschichtsdokus, sie ist furchtbar altbacken. Ich drücke die Menütaste am Kühlschrank, wähle ein kleines Müsli und in Sekundenschnelle ist es zusammengestellt, die Klappe öffnet sich und das kleine Fließband befördert die Schale direkt in meine Hände.
„Heut ist dein großer Tag, nicht wahr? Heute geht das Abi los. Welche Prüfung schreibst du heute nochmal?“ Ich seufzte. Mein Vater hatte es mich insgesamt fünfmal gefragt im letzten Monat. Zuhören ist wirklich nicht seine Stärke.
„Mathematik“, entgegne ich ihm. Er zieht die Augenbrauen hoch.
„Mathe also. Na, das sollte doch kein Problem sein!“ Er lächelt mir zu. Ich setze mich wortlos. Seine Angewohnheit Wörter abzukürzen nervt mich tierisch. Warum kann er nicht „Abitur“ und „Mathematik“ sagen, wie jeder normale Mensch?
„Wenn ich dran denke, wie viel Angst ich damals vor der Matheprüfung hatte! Ich konnte die Nacht davor nicht eine Minute schlafen.“ Gott, lass mich doch mit deinen Geschichten in Ruhe, denke ich. „Dafür warst du in Geschichte und Deutsch super, Schatz!“, mischt sich meine Mutter in das Gespräch ein. „Da warst du nicht zu schlagen!“
„Stimmt. Und beide im Leistungskurs geschrieben. Dafür warst du in Englisch ein Ass!“
„Bin ich auch jetzt noch!“ Sie lächelt ein schiefes Lächeln, das typisch für sie ist. Ich vertiefe mich in mein Müsli und versuche nicht auf ihr Geschwätz zu hören. Deutsch, wofür brauch man den Mist eigentlich noch? Niemand liest mehr Gedichte, bestimmt schon seit 25 Jahren nicht mehr, seit sie von der Regierung als subversiv und jugendgefährdend eingestuft wurden. Im Fernsehen laufen ständig Werbespots, dass man seine Kinder auf keinen Fall der gefährlichen Wirkung eines Gedichtes aussetzen sollte, und dass man das Ministerium für wahrhaftige Erziehung benachrichtigen sollte, wenn man sein Kind mit einem solchen Werk erwischt. Ich weiß, dass mein Vater heimlich noch Gedichte schreibt. Dabei hört er meistens alte Musik von Bands und Sängern, die heute kaum noch jemand kennt, geschweige denn hört. Auf den Covern seiner altmodischen CDs (er weigert sich beharrlich Musicsticks zu benutzen) standen seltsame Namen wie Queen, The Beatles oder David Bowie. Er ist ein hoffnungsloser Fall.
„Was willst du eigentlich danach machen, Mark?“ Oh Gott, so eine Diskussion wieder am frühen Morgen.
„Das hab ich dir doch schon gesagt: Ich will beim Ministerium für die Versorgung der Volksgemeinschaft anfangen. Die brauchen gute Informatiker!“
Moritz Meißner


