Die Blaue Bluse
„Die blaue Bluse“, dachte Lisa. „Die ist perfekt. Die wird ihm bestimmt gefallen. Die sieht gut aus.“
Sie nahm die Bluse vom Kleiderbügel, zog sie an, betrachtete sich im Spiegel. Sah sie wirklich gut aus? Sie drehte sich. Erst nach links, dann nach rechts. Dann wieder links. Nein, schlecht sah sie wirklich nicht aus. Und die Jeans passte wirklich gut dazu. Robert würde das bestimmt auch bemerken und es würde ihm bestimmt gefallen.
Robert. Endlich würde sie ihn treffen. Endlich würde sie ihn sehen, würde sehen wie sich bewegt, wie er spricht, wie er trinkt, wie er läuft, einfach alles. Alles, was man über das Internet nicht sehen kann. Vor zwei Monaten hatte sie ihn im MeinVZ das erste Mal angeschrieben, hatte sein Profilbild gesehen. Gut sah er aus, das Haar leicht blond, in seinen Augen meinte sie Grün zu erkennen. „Er ist wirklich gut gebaut“, ging es ihr durch den Kopf, als sie die Wohnungstür hinter sich schloss und durchs Treppenhaus ging. Der Geruch von Bohnerwachs hing in der Luft, furchtbar spießig. Wahrscheinlich war die Alte aus dem dritten Stock heut Morgen wieder nicht zu bremsen. Noch fünf Schritte, dann würde sie endlich auf der Straße sein, endlich in Freiheit, ohne das spießige Treppenhaus, dass ihr wie ein Käfig erschien.
Als sie im Café eintraf erkannte sie ihn sofort. Er saß an einem kleinen Tisch am großen Glasfenster. Wäre das Wetter besser gewesen hätte er vermutlich draußen gesessen und sie hätten beide die Sonne genießen können.
„Hi!“ Das war sein erstes Wort. Er lächelte, seine Zähne waren weiß und Lisa lächelte zurück. Sie setzte sich, hing ihre Jacke über den Stuhl. Sie dachte kurz an ihre Erwartungen. Vor einem Monat hatte sie mit ihm über Musik geredet im Plauderkasten. Sie wusste, dass er auf auch auf Hip-Hop stand, genau wie sie mochte er Peter Fox. Sie hatten über drei Stunden geplaudert und sie wusste, dass er anders war als die Jungen an ihrer Schule. Nicht nur, dass er vier Jahre älter war, er schien auch viel reifer zu sein. Die Jungs in ihrer Schule waren grölende Fußballfanatiker, absolut unausstehlich.
„Wie geht’s dir so?“, fragte er mit einem Grinsen.
„Gut.“ erwiderte sie lächelnd.
„Du siehst genauso aus, wie auf dem Foto. Nur deine Haare sind etwas kürzer. Hast du sie schneiden lassen?“ Stimmt, dass hatte sie.
„Ja, vor zwei Tagen“ Sie war etwas verlegen. Mit ihm hier im Café zu reden war anders als im Plauderkasten. Es war aufregend, ungewohnt. Sie hatte sich bisher nie mit jemanden getroffen, mit dem sie bisher nur gechattet hatte. Sie hoffte, er würde ihre Nervosität nicht merken. Der Kellner kam und nahm ihre Bestellungen entgegen.
„Du gehst also aufs Goethe-Gymnasium?“, fragte er.
„Ja, das stimmt.“
„Ich hab da letztes Jahr mein Abi gemacht. War ne tolle Zeit.“ Sie musterte ihn. Er sah recht jung aus, gar nicht wie 19. Eher wie 16.
„Du siehst toll aus.“, meinte er. Sie lächelte schüchtern.
„Bestimmt nicht!“, sagte sie mit Ironie.
„Oh doch. Du siehst gut aus. Das Blau deiner Bluse zb., das gefällt mir sehr.“
Und das war der Satz an den sie die ganze Zeit denken musste. Als sie im Café Latte Macchiato tranken. Als sie später durch den Park schlenderten. Als sie ihm mit in seine Wohnung folgte, neugierig auf seine Geschichten, die er ihr vorlesen wollte. Als er sie an sein Bett fesselte und vergewaltigte, eine Stunde lang, ihr ins Gesicht schlug, immer und immer wieder. Der Satz ging ihr nicht mehr aus dem Kopf.
Moritz Meißner


