Tokyo, 00.13 Uhr
Ich schaute zur Uhr, die etwa 2 Meter von meinem Stuhl entfernt an der Wand hing und von der ich das Gefühl hatte, dass sie hier auf verlorenem Posten stand, da sich offenbar niemand der Menschen um mich herum – genau 5 – auch nur im Geringsten für sie interessierte. 15.13 Uhr. Das bedeutete, dass ich seit ziemlich genau 28 Minuten hier lag. Das bedeutete ebenso, dass ich grob geschätzt noch etwa 17 Minuten in dieser Position verbringen werde. In Rio de Janeiro zeigten die Uhren jetzt 11.13 Uhr an. Mein Blick fiel zunächst zurück auf meinem Arm. Die Nadel war fast vollständig in ihm verschwunden, im Schlauch, der von ihr abging konnte ich meinem Blut zusehen, wie es in Richtung der großen Apparatur neben mir floss, der Zentrifuge, in der das Plasma herausgetrennt wird. Bis auf den Einstich hat man bei der Plasmaspende keine Schmerzen, man fühlt höchstens einen leichten Druck im Arm. Zumindest fühle ich ihn. Danach fiel mein Blick zurück auf die aktuelle Ausgabe des Stern, die auf meinen Beinen lag. Aufgeschlagen hatte ich einen Artikel, der zu einer Reihe gehört, die über das Liebesleben in anderen Ländern berichtet, diese Woche über Südkorea. Erstaunt las ich, welche prüden Moralvorstellungen das ostasiatische Land pflegte und fragte mich insgeheim, wie es wohl in Nordkorea aussehen würde. In Seoul und Pjöngjang schlugen die Uhren jetzt 19.15 Uhr.
Ich verlies das Plasmazentrum um exakt 15.45 Uhr, wünschte einem Bekanntem, den ich am Eingang traf ein schönes Wochenende und betrat, mit gewisser Vorfreude, die ich immer spüre, bevor ich mich mit ihr treffe, den kleinen Buchladen Gelie & Müller, um meine Bestellung abzuholen, die ich gestern um 11.22 Uhr aufgegeben habe. Herr Gelie, einer der letzten wirklichen Gentleman in dieser sonst so gewöhnlichen und unausstehlichen Stadt, erkannte mich sofort (ich bin seit Jahren Kunde), ging mit einem seltsam erwartungsvollen Blick die kleine Treppe zum Lager hinauf und erschien keine 20 Sekunden später mit meiner Ausgabe von Gottes Werk und Teufels Beitrag. Nachdem ich bezahlt und er mein Buch in einer seiner äußerst geschmackvollen Tüten transportbereit gemacht hatte, verabschiedeten wir uns wie immer ausgesprochen höflich, verstaute Buch und Tüte in meiner Tasche und ich verließ den Laden.
Ich kannte Gottes Werk und Teufels Beitrag bereits und hatte es bereits zweimal gelesen (wahrscheinlich hätte ich es noch öfters gelesen, aber angesichts des Umfanges, den das Buch zweifelsohne besitzt, bin ich nie wirklich dazu gekommen). Ich bewunderte immer die Figur des Dr. Larch und seine Sicht auf die Welt, er war für mich immer jemand, mit dem ich mich identifizieren konnte. Die Geschichte von Homer Wells ist so lang und voller Entwicklung und Veränderung, dass mir Wilbur Larch immer als eine Konstante erschien, ein unverrückbarer Fels, an dem fast alles abprallt.
Ich erreichte das Café um 16.07 Uhr, suchte mir einen Tisch für zwei, hängte meine Jacke in die Garderobe, an der in großen Buchstaben das Schild Für Garderobe wird keine Haftung übernommen aufgehängt war (was mir allerdings herzlich egal war, da sich in meinen Taschen nichts war, was sich zu stehlen lohnte, höchstens der Diebstahl der Jacke selbst würde mir eine gewisse Verärgerung bereiten), ging zurück zu meinem Tisch, setzte mich, studierte schnell und gelangweilt die Karte (ich bin oft in diesem Café und kenne sie schon auswendig) und wartete auf die Kellnerin, eine hübsche junge Frau Mitte 20. „Hallo! Haben Sie schon gewählt?“ Trotz der Förmlichkeit ihrer Frage spürte ich eine ehrliche Freundlichkeit in ihren Worten, und diese Freundlichkeit trieb mir ein Lächeln aufs Gesicht, als ich einen Espresso bestellte. „Einen Espresso. Kommt sofort!“ Wieder fiel mir die Freundlichkeit auf, und mein Lächeln wurde herzlicher. Sie lächelte zurück und war gerade im Begriff wieder zu verschwinden, als sich mein Mund erneut öffnete. „Verzeihung, und einen Cappuccino, bitte.“ Trotz der Spontanität meiner Bestellung behielt sie das Lächeln, wiederholte meine Bestellung und setzte ihren Weg Richtung Küche fort. Ich blieb zurück und lies meinen Blick schweifen. Das Café war nicht sonderlich gut besucht, nur eine Handvoll Gäste genossen zu dieser Zeit hier ihren Kaffee, den wirklich hervorragenden Kuchen (besonders die Schwarzwälder Kirschtorte, wahrlich die Spezialität des Hauses) oder einfach nur die Konversation mit ihrem Gegenüber. Zwei Tische entfernt von mir fiel mir ein junges Paar auf; ich schätze beide auf Anfang 20, ohne Zweifel frisch verliebt. Ihre Getränke – Latte Macchiato und ein schwarzer Kaffee – ließen beide unbeobachtet stehen, ihre Hände ineinander gelegt blickten sie sich an, und ihr Blick ließ keinen Zweifel daran, dass beide im Augenblick genauso gut alles stehen und liegen lassen hätten können, um sich in ein Auto zu setzen, zum Flughafen zu fahren und den erstbesten Flug irgendwohin zu buchen, vermutlich so weit weg von der erdrückenden Enge dieser Kleinstadt, wie nur irgendwie möglich. Bilder von möglichen Zielen dieser Reise erschienen vor meinem Auge, Große Städte ebenso wie kleine Inseln im Südpazifik, auf denen trotz der allumfassenden Globalisierung der beste Privatdetektiv die beiden nicht finden würde. Ein kleines beschauliches Leben abseits der Probleme dieser Welt, war das nicht etwas, das wir uns alle wünschen würden?
Als sich die Lippen der beiden zu einem zärtlichen, aber doch innigen Kuss zusammenfanden wandte ich meinen Blick ab, ließ den beiden diesen Moment und war überrascht, dass genau in diesem Moment – als hätte sie die ganze Zeit darauf gewartet – die Kellnerin mit einer kleinen Tasse Espresso und einem Cappuccino sich den Weg zu meinem Tisch bahnte (was kein schwieriges Unterfangen darstellte, das Café war, wie schon erwähnt, nicht besonders gut besucht) und diese mit dem selben charmanten Lächeln auf den Tisch stellte, mit dem sie meine Bestellung entgegen genommen hatte, was vor fast genau 6 Minuten der Fall war. Als sie ging schaute ich ihr diesmal nicht nach, sondern blickte stattdessen auf meine Armbanduhr, welche 16.13 Uhr anzeigte, verglich sie mit der großen und furchtbar kitschigen Standuhr, die etwa drei Tische von mir entfernt war und wunderbar mit meiner Uhr harmonierte: 16.13 Uhr. In Tokyo war es jetzt 00.13 Uhr.
Das war der Augenblick, als ich sie sah. Wie sie die Tür aufdrückte. Wie sie sich kurz umsah, mich erblickte und mir eines dieser Lächeln schenkte, für die ich sie liebte. Sie sah wunderbar aus, in ihren Haaren, die etwa schulterlang waren, lag ein klein wenig Schnee, und als ich sie so sah, wie sie zur Tür herein kam mit diesem wunderschönen Lächeln und den kleinen Schneeflocken im Haar, da verschlug es mir den Atem. Ich bemühte mich normal zu wirken, sie einfach anzustarren würde sie irritieren, aber genau danach war mir zu Mute. Flink kam sie an meinen Tisch, ich erhob mich, sie sagte in ihrem stets fröhlichen Ton „Hey!“, wir umarmten uns und als sie den Cappuccino erblickte, den ich kurz zuvor für sie bestellt hatte, für sie ganz allein, und sie mir ein gleichermaßen überraschtes wie dankbares „Oh, danke, das ist lieb von dir!“ zu hauchte, fühlte ich mich wie ein Heiliger. Sie brachte ihre Jacke zur Garderobe, obwohl ich als Gentleman dies gern übernommen hätte. Ich blickte, diesmal rein zufällig zur kitschigen Standuhr, aber weder die Tatsache, dass ich sie für kitschig hielt, noch die Zeit, die ich lesen konnte, interessierte mich. Wenn sie bei mir war, spielte die Zeit für mich keine Rolle.
Sie kam von der Garderobe wieder und setzte sich an unseren Tisch. Sie legte die Hand an ihre Tasse, um sie zu wärmen.
„Danke für den Cappuccino.“, sagte sie und lächelte erneut. Oder immer noch?
„Hey, nicht der Rede wert, Anna!“, meinte ich und ahnte, was gleich kommen würde.
„Aber ich bestehe darauf, nicht eingeladen zu werden!“, sagte sie fast schon lachend und ich konterte mit „Keine Chance!“, ebenfalls an der Grenze eines Lachens. Sie auf einen Cappuccino einzuladen war das Geringste, dass ich für sie tun konnte.
„Na gut, regeln wir das nachher, ok?“, schlug sie vor, ein annehmbarer Kompromiss. Ich gab mich zufrieden, lies ihre Frage unkommentiert und wollte wissen, wie es ihr geht.
„Gut, wunderbar!“, meinte sie. Ich sah, dass sie es ehrlich meinte und war beruhigt.
„Und du? Alles klar bei dir?“
„Ja, bestens. Hatte selten so viel zu tun wie in letzter Zeit.“
„Ach, du Ärmster!“ Über ihren Sarkasmus mussten wir beide lachen. Ich nahm meine Tasse, leerte sie und spielte mit dem Gedanken, noch einen Kaffee zu bestellen.
„Hast du mal wieder was von Max gehört?“ Ich überlegte, ob ich in den letzten Tagen mit ihm gesprochen hatte, aber ich konnte mich nicht erinnern.
„Nein, nichts gehört.“
„Na ja. Vielleicht werde ich mal vorbeischauen. Köln ist nicht allzu weit entfernt.“
„Wann fährst du?“
„Morgen. Ich will gegen Mittag los.“
„Schon alles gepackt?“
Sie lächelte verlegen. „Nein, ich muss noch einiges zusammensuchen. Wahrscheinlich komm ich heut gar nicht mehr zum schlafen.“
„Kann ich dir helfen?“
„Das krieg ich schon hin, aber danke für dein Angebot.“
„Ist ein ganz schönes Stück bis Düsseldorf. Ich werd dich bestimmt nicht mehr so oft einladen können, oder?“ Ich hoffte, diese Frage würde sie amüsieren und ich wurde nicht enttäuscht.
„Also mit Einladen werden wir bestimmt nie einer Meinung sein. Aber du kannst mich jederzeit besuchen. Würde mich freuen, wenn wir mal ein bisschen die Stadt unsicher machen würden. Oder ich komme mal wieder hier her, sobald ich kann.“ Die Kellnerin kam an unseren Tisch und nahm meine leere Tasse mit. Ich nutzte die Gelegenheit und bestellte einen Kaffee, Anna hatte immer noch ihren Cappuccino.
„Ich denke, ich werd dich besuchen, wenn es für dich passt. Wir werden schon einen Termin in nächster Zeit finden.“
„Bestimmt!“ Der Kaffee kam äußert schnell. Ich trank ihn schwarz, wie ich es immer tue.
„Ach ja, ich hab da noch etwas für dich.“ Ich ließ meine Hand in die Tasche sinken, die an meinem Stuhl lehnte und zog daraus ein Exemplar von Gottes Werk und Teufels Beitrag. Nicht jene Ausgabe, die ich vor meiner Ankunft im Café abgeholt habe, sondern die, die schon seit Jahren in meinem Bücherschrank stand. Anna hatte sich immer für das Buch interessiert, war aber stets zu beschäftigt um den wirklich umfassenden Roman zu lesen. Ich legte das Buch neben ihre Tasse und sah, wie ihre Augen zu leuchten begannen.
„Hey, wow, ich…danke! Aber das kann ich doch nicht…“
„Doch, das kannst du!“, beruhigte ich sie grinsend. „Ich möchte es dir schenken. Schlag es auf.“
Sie schlug es auf und entdeckte sofort die kleine Widmung, die ich für sie geschrieben hatte. Für meine beste Freundin Anna. Ich hatte überlegt noch mehr zu schreiben, aber ich fand diese kleine Formulierung ausreichend und stilvoll.
„Das ist so lieb von dir. Danke!“ Ihre Freude über das Buch berührte mich.
„Für dich tu ich doch alles!“ Ich nahm den kleinen Keks, der noch unberührt auf meiner Untertasse lag und betrachtete Anna, die im Buch blätterte.
„Wie geht’s eigentlich Frank, Sandra und Jule?“ Sie schaute auf und legte das Buch wieder neben ihre Tasse.
„Oh, Frank und Sandra haben sich getrennt, dass dürfte jetzt zwei Wochen her sein.“
Das überraschte mich. Ich sah die beiden nicht oft, sie waren eher Annas Freunde als meine, aber dennoch kam ich mit ihnen wunderbar zurecht. Frank und Sandra erschienen mir bis jetzt immer als das ideale Paar. „Ach, verdammt! Wieso das denn?“
„Warum genau weiß ich nicht, aber Sandra hatte mir in letzter Zeit immer wieder erzählt, dass Frank ziemlich abweisend geworden ist. War wohl nur eine Frage der Zeit.“
„Mist!“
„Na ja, Frank will sowieso zum Studium nach Hamburg, ich bin mir nicht sicher, ob sie da zusammengeblieben wären.“
„Ist aber trotzdem schade. Ich dachte, die zwei sind so verliebt.“
„Offensichtlich nicht mehr.“
„Und Jule?“ Jule war Annas kleine Schwester, die kurz vor dem Abitur stand.
„Die ist ziemlich im Stress. Die Vorprüfungen hat sie Gott sei Dank geschafft, aber sie macht sich ziemlich fertig. Sie hat Angst durchzufallen.“
„Ach, sag ihr sie schafft das locker! Ich hab fürs Abi kaum gelernt und meine Punktzahlen waren in Mathe nicht halb so gut.“
„So was sag ich ihr andauernd, aber wahrscheinlich braucht sie den Stress.“
„Immerhin, so hat sie in der Liebe zumindest keine Probleme. Keine Zeit für einen Freund.“ Ein Lächeln trat in ihr Gesicht.
„Ja, das stimmt. Und du, hast du schon jemanden gefunden?“ Diese Frage habe ich gefürchtet, denn so ungern ich das tat, aber an dieser Stelle konnte ich ihr nicht die Wahrheit sagen. Also log ich.
„Nein, leider nicht. Aber bei den Enttäuschungen der letzten Zeit ist es vielleicht besser so.“ Ich bebte innerlich, dennoch blieb ich nach außen hin ganz gelassen. Vielleicht konnte ich doch ganz gut schauspielern.
„Du hast aber auch Pech gehabt mit deinen Freundinnen.“
„Tja, offensichtlich suche ich mir immer genau die Mädchen heraus, die nichts für mich empfinden können. Auch eine Art von Begabung.“
„Wir finden schon jemanden für dich. Wart’s ab, wenn du mich in Düsseldorf besuchst…“
„Na ja, da wohl eher nicht. Mit Fernbeziehungen hab ich sehr schlechte Erfahrungen gemacht.“
„Kopf hoch! Muss doch nichts festes sein. Nur ein bisschen Ablenkung.“ Sie zwinkerte mir zu. Ich gab mich geschlagen.
„Ok, schauen wir mal.“
Wie gern hätte ich ihr gesagt, dass das alles überflüssig wäre. Dass ich keine Ablenkung brauche. Dass ich das perfekte Mädchen schon gefunden habe und dass es mir direkt gegenüber sitzt. Dass ich mich schon vor langer Zeit in sie verliebt hatte. Aber ich konnte es nicht. Ich konnte ihr meine Gefühle nicht offenbaren. Anna war einfach zu perfekt. Sie war meine beste Freundin. Die Gefahr einer Zurückweisung und einem damit verbundenen Ende dieser wunderbaren Freundschaft konnte ich einfach nicht ertragen. Selbst jetzt, im Angesicht ihres Aufbruches in eine neue Stadt, in ein neues Leben, konnte ich mich nicht überwinden.
Und als wir schließlich in der Dämmerung vor ihrer Wohnungstür standen und uns zum Abschied umarmten wusste ich, dass ich wohl nie in der Lage sein würde jemanden so zu lieben, wie ich sie liebte, dass ich nie jemanden finden werde, für den ich dasselbe empfinde wie für sie, und mit diesen Gedanken ging ich um exakt 18.29 Uhr durch die Dunkelheit.
Moritz Meißner



Ich fand die geschichte sehr schön und das Ende so gefühlsvoll…
=)
Lg Mija
Mein Gott…was für eine tolle Geschichte! Echt klasse!
Super geschrieben, sehr gefühlvoll und dennoch irgendwie distanziert, einfach genial! Super!